UniteOS

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UniteOS: Das Betriebssystem für Gemeinschaft

Die Whitelabel-Community-Plattform der wechange eG heißt jetzt UniteOS. Ein Gespräch mit unserem neuen Marketingleiter Frank Meinke über den Markenlaunch, die Kraft digitaler Zusammenarbeit – und warum er das Internet reparieren will, das er selbst mit kaputtgemacht hat.

WECHANGE: Frank, du kommst aus der klassischen Werbewelt. Was hat dich dazu gebracht, zu einer Genossenschaft wie WECHANGE zu wechseln?

Frank Meinke: Ich gehöre zu der Generation, die die Anfangstage des Netzes miterlebt hat – diese aufregende Zeit der frühen 2000er, als alles offen war und es echten Austausch zwischen Menschen gab. Ich habe das geliebt. Auch in meinem Job. Mit der Zeit wurde aber immer deutlicher, dass Algorithmen und Reichweitenlogik die Idee des partizipativen Internets verdrängen. Als Content-Marketeers waren wir Teil dieses Systems. Irgendwann hatte ich das Gefühl, etwas kaputtzumachen, das ich eigentlich großartig fand. Bei WECHANGE sehe ich die Chance, das Internet ein Stück weit zu reparieren. 

WECHANGE: Starke Ansage: Das Internet reparieren. Was genau ist denn kaputt am Internet?

Frank Meinke: Schau dir an, was in den letzten 15 Jahren passiert ist. Organisationen haben ihre Kommunikation auf Facebook, Instagram und Co. ausgelagert. Das hat kurzfristig Sichtbarkeit gebracht, aber langfristig zu totaler Abhängigkeit geführt. Cory Doctorow hat dafür den Begriff geprägt: Enshittification – der Prozess, bei dem Plattformen erst Nutzer:innen anlocken, dann Geschäftskunden, und am Ende beide ausquetschen. Wer heute Menschen erreichen oder Netzwerke aufbauen will, kommt um Werbebudgets nicht herum. Und selbst dann ist man nicht sicher: die Daten nicht und die Reichweite auch nicht. Die Plattformen ändern die Spielregeln und die teuer aufgebauten Communities sind weg. Erinnert mich an den Waschbären, der seine Zuckerwatte waschen will. Das Video macht mich immer sehr traurig. Aber weißt du, was das Schlimmste ist?

WECHANGE: Vielleicht. Sag du!

Frank Meinke: Das dicke Ende kommt erst noch. Bisher wurden nur einzelne Plattformen systematisch in Vorhöllen verwandelt, jetzt geht es um das gesamte Internet. Google verabschiedet sich zunehmend von der klassischen Suche und ersetzt sie durch KI-generierte Antworten – das verändert den Traffic für Websites fundamental. Google und Co. waren in ihrer Funktion als gierige Gatekeeper schon schwierig, aber mit KI bieten die Plattformen nicht mal mehr ein Tor, durch das Menschen auf Websites kommen. Das offene Internet, wie wir es kennen, steht damit vor dem Ende. Wir bewegen uns von einem Internet der Menschen zu einem Internet der Maschinen – der Mensch ist aus dem System getilgt.

WECHANGE: Aber ist das eigentlich schlimm? Man könnte auch sagen: „Zum Glück hat das ein Ende. Das Netz hat zuletzt ja wenig zu einer besseren Welt beigetragen.“

Frank Meinke: Könnte man so sehen, ja. Viele nehmen diesen Wandel als natürliche Evolution des Netzes hin. Aber dass wir in einer Dystopie gelandet sind, liegt ja nur daran, dass wir das Internet der „destruktiven digitalen Dreifaltigkeit aus KI, Kapitalismus und Klicktivität“ (Mario Sixtus) ausgeliefert haben: eine monopolisierte Monetarisierungsmaschine, die, weil sie Bullshit und Provokation belohnt, die Menschheit eher trennt als vereint.

WECHANGE: Wo genau setzt nun unsere Reparatur an?

Frank Meinke: UniteOS ist quasi das Gegenmodell. Souveräne Netzwerke in der Hand von Menschen. Und mal positiv betrachtet: das sterbende Internet ist auch eine Chance. Denn das Ende der Illusion eines offenen Netzes zwingt uns alle, ernsthaft über Alternativen nachzudenken. Wie schaffen wir neben dem großen Internet der Plattformen und Maschinen digitalen Raum für Menschen? Wir glauben, ein Weg sind viele, gemeinschaftlich getragene, souveräne Räume.

WECHANGE: Klingt nicht nach einer Reparatur des Internets.

Frank Meinke: Wenn man es genau nimmt, nicht. Das stimmt. Es ist eher der nächste evolutionäre Schritt. Vielleicht auch ein Schritt zurück. Ein gewisses Maß an Dezentralisierung mit vielen kleinen Netzwerken neben Zucks Mordor. UniteOS ist die Infrastruktur dafür. Mit ihr kann im Grunde jede Organisation souveräne, digitale Räume und Netzwerke aufbauen – oder gleich ein neues Facebook.

WECHANGE: Aber ist das nicht gefährlich? Wenn digitale Räume künftig in der Hand von Organisationen liegen, ist das doch auch nicht wirklich demokratisch?

Frank Meinke: Ich merke, wir kommen voran (lacht). Du hast recht, das Szenario ist nicht perfekt, aber es ist Meilen besser als der Status-quo. Das Absurde ist ja: wir machen uns kaum noch bewusst, dass wir unser gesamtes Leben wirtschaftlich wie privat ein paar wenigen Plattformen ausgeliefert haben – in die Hände von ein paar CEOs mit beeindruckend wenig Rückgrat und noch weniger Werten.

Die großen Plattformen – also Meta, LinkedIn, X, Google – funktionieren nach dem Prinzip zentralisierter Skalierung. Ihr Mehrwert entsteht aus Reichweite, ihr Machtanspruch aus der Kontrolle über Daten, Aufmerksamkeit und Zugang. Wenn diese Logik jetzt durch viele kleinere Netzwerke ersetzt wird, die in den Händen von Organisationen, Kommunen oder Stiftungen liegen, dann verändert sich das System grundlegend: von zentraler Plattformökonomie zu föderaler Netzwerkökonomie, von Aufmerksamkeits- zu Wirkungsmaximierung, von Nutzern als Produkt zu Nutzern als Gestalter:innen. Das ist im Grunde derselbe Wandel, den wir in der Energiewirtschaft erlebt haben – weg von den Großkraftwerken hin zu dezentraler, gemeinschaftlicher Energieerzeugung. Nur dass es diesmal um die Infrastruktur unserer digitalen Gesellschaft geht.

WECHANGE: Puh. Okay. Wir schweifen etwas ab. Du arbeitest nun seit vier Monaten bei WECHANGE und an der Markenpositionierung. Hat ja ganz schön gedauert, hm?

Frank Meinke: Das ist richtig. Ich musste mich erst mal einarbeiten. Und Developer:innen sind da keine große Hilfe. Haha. Wenn man die fragt: „Cooles Tool – und wie nutzen das die Leute?“, kommt oft so etwas wie: „Na, das läuft über eine API, die die User-Daten in eine PostgreSQL-Instanz schreibt und dann über ein Event-System synchronisiert.“ Sie denken in User:innen, nicht in Zielgruppen. Und das ist auch gut so. Ich musste also erst mal Basisarbeit leisten und herausfinden, was genau UniteOS leistet und wo die Marktpotenziale liegen.

WECHANGE: Na, ist doch klar: eine Whitelabelplattform für Vernetzung und Zusammenarbeit.

Frank Meinke: Klar. Aber ehrlich gesagt: Mir war anfangs gar nicht so klar, warum das so relevant ist – und wer dafür überhaupt bezahlt, wenn er woanders „kostenlos“ mit seinen Daten zahlen kann. Mit der Zeit haben sich vier typische Einsatzfelder herauskristallisiert, die sich in ihrer Offenheit und Steuerung unterscheiden.

Marketing-Mensch wie ich bin, habe ich diese Einsatzfelder auch getauft: Build, Enable, Orchestrate, Govern. Community Building beschreibt Netzwerke, die von unten wachsen – etwa kommunale Beteiligungsplattformen oder wechange.de. Community Enablement stärkt Teams und Freiwillige in ihrer täglichen Arbeit, zum Beispiel bei Hilfswerken. Orchestration meint Plattformen, die lose verbundene Menschen zusammenbringen, wie bei Förderstiftungen oder Alumninetzwerken. Und Governance sorgt für Struktur und Verlässlichkeit in komplexen, föderalen Zusammenhängen – etwa bei größeren Allianzen oder Verbänden.

UniteOS kann all das abbilden – und kann sogar als organisationsinternes Kollaborationstool dienen. All-in-one quasi.

WECHANGE: Das ist die Positionierung? All-in-one?

Frank Meinke: Nein, das würde nicht funktionieren. Das Wettbewerbsumfeld wäre mörderisch und das Versprechen zu unspezifisch. Wir müssen uns sehr klar auf das fokussieren, was uns im Markt besonders macht und wo wir unique sind: UniteOS vereint die Offenheit sozialer Netzwerke mit der Struktur professioneller Collaboration-Tools. Ich habe dafür auch einen Claim entwickelt. Bereit für noch mehr Marketing-Spaß?

WECHANGE: Bitte.

Frank Meinke: Make networks work.

WECHANGE: Okay. Warum sollten Organisationen eigentlich in ihre digitale Netzwerkarbeit investieren?

Frank Meinke: Der Historiker Yuval Harari sagt, die Superkraft des Menschen liegt in seiner Fähigkeit, in großen, losen Gruppen zusammenzuarbeiten. Genau dieses Potenzial nutzen viele Organisationen heute noch zu wenig. UniteOS hilft dabei, es zu entfalten – indem sie eine echte, produktive Beziehung zu ihren Stakeholdern aufbauen können: strukturiert, sichtbar und dauerhaft. Das ist der Unterschied zwischen „Wir haben 500 Kontakte in unserer Datenbank“ und „Wir haben 500 aktive Menschen, die miteinander arbeiten“.

WECHANGE: Der neue Name ist UniteOS. Wie bekommt man ein Team von Entwicklern dazu, ihr Produkt OS zu nennen, wenn es doch gar kein klassisches Betriebssystem ist? Wie häufig wurde das angemerkt?

Frank Meinke: (lacht) Zum Glück bin ich sehr belehrungsresistent. Nein, im Ernst – natürlich wissen wir alle, dass UniteOS kein klassisches Betriebssystem ist. Aber der Begriff steht sinnbildlich für den unfassenden Ansatz unseres Systems: Im Grunde ist es ein digitales Betriebssystem für Gemeinschaft. Aber um ehrlich zu sein: ich hatte auch einfach das große Glück, dass OS gleichzeitig für Open Source steht. Da geht bei meinen Kolleg:innen sofort das Herz auf.

WECHANGE: Ein neues Branding, ein kommerzielles Angebot – das klingt nach Wachstum. Was bedeutet dieser Schritt für die Genossenschaft? Werden wir jetzt selbst zu Big Tech?

Frank Meinke: Wir bleiben tiny tech. Wir wollen durch den Rollout von UniteOS noch konsequenter unseren Weg gehen und auch unseren genossenschaftlichen Ansatz stärken. Was das bedeutet wird Markus, unser Vorstand, hier demnächst erzählen. Nur so viel: Er sagt, wir machen bald was mit Schildkröten. Also, stay tuned – und abonniert unseren Newsletter.