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Boris Stelzer

Open Source lebt nicht vom „Read-only“

Digitale Souveränität ist das Thema der Stunde. Aber die Freiwilligen, die sie täglich bauen, gelten rechtlich nicht mal als Ehrenamtliche. Boris Hinzer, Vizepräsident der TYPO3 Association, will das ändern und hat eine Petition gestartet. Wir haben unterschrieben, und mit ihm über seine Beweggründe gesprochen.

wechange: Wer bist du und was machst du?

Boris: Ich bin Boris und habe die Web-Agentur web-vision in Mönchengladbach, mit Fokus auf Open-Source-Projekte mit Magento und TYPO3, gegründet.

In der TYPO3-Community bin ich, seit rund 20 Jahren, in diversen Teams und Rollen aktiv. Seit April 2023 bin ich dort ehrenamtlich als Vizepräsident tätig. TYPO3 ist übrigens ein Web-Content-Management-System, das beispielsweise auch von der Bundesregierung unter dem Namen „Government Site Builder 11“ eingesetzt wird.

Nach rund 20 Jahren freiwilliger Open-Source Arbeit „im stillen Kämmerlein“, habe ich vor ein paar Wochen die Petition „Anerkennung von Open-Source Arbeit als Ehrenamt“ ins Leben gerufen und hoffe, dass sich viele daran beteiligen.


wechange: 20 Jahre kostenlos Open Source entwickelt, warum macht man sowas?

Boris: Um etwas zurückzugeben. Wenn man eine kostenfreie Software nutzt, ist es doch nur fair, sich auch für sie zu engagieren und damit etwas für das Projekt und die Community zurückzugeben. Open Source lebt nicht vom „Read-only“, sondern vom Mitmachen. Nur dann kann ein Open-Source-Projekt langfristig aktiv sein und am Leben gehalten werden.


wechange: Was ist Open Source eigentlich und warum ist es wichtiger, als die meisten denken?

Boris: Vereinfacht gesagt ist das Software, die von Freiwilligen kostenfrei erstellt, weiterentwickelt und gewartet wird. Hinzu kommt, dass der Quellcode für jeden einsehbar und veränderbar ist.

Prominente Beispiele sind die Microsoft-Office-Alternative LibreOffice, der Browser Firefox oder das Betriebssystem Linux, das im Grunde einen Großteil des Internets antreibt.

Im Gegensatz zu einzelnen großen Technologiekonzernen wird die Software also „in der Öffentlichkeit“ meist von einer Gemeinschaft Gleichgesinnter entwickelt und kostenfrei bereitgestellt.

Wie wichtig das ist, zeigt sich aktuell in der Diskussion rund um „Digitale Souveränität“, also die Unabhängigkeit von wenigen großen Technologiekonzernen oder auch einzelnen Staaten. Aktuell sind wir noch abhängig von den großen Playern im Tech-Business und Ländern wie den USA oder China. Wenn wir davon unabhängiger werden wollen, brauchen wir stabile und zukunftssichere Lösungen, wo wir selbst es in der Hand haben, welche Daten wir von uns preisgeben und wohin die Entwicklung geht.


wechange: Wo steckt Open Source im Alltag, wo niemand es vermutet?

Boris: Was viele nicht wissen: Open-Source-Software arbeitet häufig im Hintergrund. Egal ob als Webserver oder Datenbank hinter der Website, im Betriebssystem des Ticketautomat der Bahn, als Grundlage für die Spielkonsole oder als Software für das Video-Streaming – überall steckt Open Source drin.

Leider bedienen sich jedoch große Tech-Konzerne häufig an Open-Source-Software, ohne selbst nennenswert dazu beizutragen oder sie zu finanzieren – sie nutzen sie jedoch intensiv und entwickeln Ihre Geschäftsmodelle darum herum. Kein Smartphone kommt heute ohne Open-Source-Software aus, egal, ob es von Apple oder ein Android Gerät ist.


wechange: 60 % der Open-Source-Maintainer:innen arbeiten unbezahlt. Was treibt Menschen an, weiterzumachen?

Boris: Ich vermute, die Motivation ist ähnlich wie bei der Arbeit in einem Sport- oder Karnevalsverein – Tätigkeiten, die längst als Ehrenamt anerkannt sind. Man möchte sein Wissen weitergeben und sich gemeinsam mit Gleichgesinnten freiwillig für das Gemeinwohl engagieren.

Bei Open Source kommt hinzu, dass man ständig motiviert ist, die gemeinsam entwickelte Software zu verbessern und für mehr Menschen zugänglich zu machen.

Oft beginnt das schon in der Kindheit oder Jugend. Dank meiner Eltern konnte ich in meiner Jugend viele Interessen in verschiedenen Vereinen ausprobieren, von Fußball über Schach bis hin zu Basketball oder Karate. Hängen geblieben bin ich als Nerd allerdings in der Computer-AG meiner Schule. Und ich glaube so geht es vielen Open-Sourceler:innen – wir waren damals vielleicht nicht die sportlichsten, aber konnten halt ganz gut mit Computern umgehen und diese programmieren.


wechange: Und über wie viele Menschen sprechen wir hier eigentlich?

Boris: Genaue Zahlen für Deutschland gibt es meines Wissens noch nicht. Auf GitHub, der weltweit größten Plattform für Open Source Sofware, sind in Deutschland über 426.000 Nutzer registriert.

In der TYPO3-Community engagieren sich etwa 200 bis 250 Personen in unterschiedlichen Bereichen. Einige kümmern sich um Marketing, Weiterbildung und Vernetzung, andere um Dokumentation oder Server-Infrastruktur, wieder andere programmieren den eigentlichen TYPO3-Code. Du siehst: Open Source bedeutet nicht nur, Software zu programmieren – jede Person kann sich entsprechend ihrer Interessen einbringen.


wechange: Was war der Moment, in dem du dachtest: „Jetzt muss ich diese Petition starten“?

Boris: Tatsächlich saß ich gerade mit Kolleginnen und Kollegen der TYPO3 Association für zwei Tage in Düsseldorf zusammen. Wir haben darüber gesprochen, wie wir die verfügbaren Mittel aus Spenden und Mitgliedsbeiträgen am sinnvollsten einsetzen können.

Dabei musste ich an den Tag des Ehrenamtes denken, der jedes Jahr am 5. Dezember stattfindet, und kurz bevorstand. In den beiden vergangenen Jahren hatte ich jeweils eine Nachricht an einen öffentlich-rechtlichen Radiosender geschrieben. Dort kamen verschiedene Ehrenamtliche zu Wort, und es wurde den ganzen Tag darüber berichtet, wie wichtig Ehrenamt für Deutschland ist.

Ich habe die Redaktion jedes Mal gebeten, auch die Open-Source-Aktiven zu erwähnen – ohne die vieles nicht funktionieren würde. Leider habe ich nie eine Rückmeldung erhalten.

In diesem Moment war mir klar: Jetzt starte ich eine Petition. Damit Open-Source-Arbeit in Politik und Öffentlichkeit stärker wahrgenommen wird und endlich die Anerkennung bekommt, die sie verdient.


wechange: Taubenzucht ist gemeinnützig, Open-Source-Entwicklung nicht. Was ist daran strukturell falsch?

Boris: Zu Taubenzucht kann ich nichts sagen.

Ich sehe jedoch, dass inzwischen zum wiederholten Mal im Koalitionsvertrag sinngemäß steht: „Wir wollen digitale Souveränität durch Open Source erreichen.“ Nahezu jede Partei propagiert derzeit digitale Souveränität – also die Unabhängigkeit von großen Technologiekonzernen und geopolitischen Herausforderungen.

Die vielen Freiwilligen in Open-Source-Projekten erhalten jedoch keine entsprechende Anerkennung. Sie haben keine steuerlichen Vorteile wie andere Ehrenamtler die in §52 AO als gemeinnützige Zwecke definiert sind, und sind rechtlich schlechter abgesichert.

Es kann doch nicht sein, dass einerseits die Bedeutung des Ehrenamts für Deutschland betont wird und ein Großteil unserer digitalen Infrastruktur auf Open-Source-Software basiert, das Thema aber weder in der breiten Bevölkerung ausreichend bekannt ist noch der Gesetzgeber passende Rahmenbedingungen für die tausenden Freiwilligen schafft.


wechange: Was würde sich konkret ändern, wenn Open Source als Ehrenamt anerkannt würde?

Boris: Open-Source-Projekte könnten deutlich einfacher als gemeinnützig eingestuft werden. Das würde Spendenquittungen über Organisationen wie eingetragenen Vereinen ermöglichen und Zuwendungen an Freiwillige erleichtern. Ehrenamtliche könnten eine Aufwandsentschädigung erhalten. Und Darüber hinaus wäre die Haftung klarer geregelt und das persönliche Haftungsrisiko bei Schäden deutlich begrenzt.


wechange: Was können normale Nutzer:innen tun, um Open Source zu unterstützen – außer Geld spenden oder die Petition zu unterzeichnen?

Boris: Aktuell suche ich vor allem aktive Unterstützer und Multiplikatoren und freue mich über jede Form der Hilfe. Wenn ihr Kontakt zu Medienvertreter:innen, Lehrkräften, Professor:innen, Influencer:innen, Streamer:innen oder Personen aus Politik und Vereinen habt, teilt gerne die Petition oder meine Kontaktdaten. Ihr findet mich auf Mastodon, BlueSky und LinkedIn.

Schreibt einen Blog- oder Social-Media-Post, veröffentlicht einen offenen Brief mit eurem Verein oder druckt das PDF der Petition mit QR-Code aus und hängt es in eurer Firma auf. Jede Verbreitung hilft.