Kommunen stehen vor Plattform-Entscheidungen mit weitreichenden Folgen. Die wissenschaftliche Codina-Studie liefert sechs Kriterien, mit denen sich Angebote systematisch bewerten lassen – von Hosting über Software-Architektur bis zum Betreibermodell. Diese Checkliste hilft bei der Orientierung.
Digitale Daseinsvorsorge ist keine Zukunftsmusik mehr. Kommunen erbringen zunehmend Leistungen digital – von Bürgerbeteiligung über Ehrenamtskoordination bis zur Vereinsvernetzung. Dabei treffen sie auf einen unübersichtlichen Markt: große Tech-Konzerne, spezialisierte Anbieter, Open-Source-Projekte.
Die Entscheidung für eine Plattform hat Konsequenzen, die weit über das Budget hinausgehen:
Das Forschungsprojekt CO:DINA (Digitale Nachhaltigkeitstransformation in Kommunen) hat einen Kriterienkatalog für kommunale Plattformen entwickelt, der diese Fragen systematisch adressiert. Die Studie entstand an der Hochschule für Nachhaltige Entwicklung Eberswalde (HNEE) in Zusammenarbeit mit dem Weizenbaum-Institut für die vernetzte Gesellschaft.
Kernfrage: Wo stehen die Server – und wie nachhaltig ist der Betrieb?
| Prüfpunkt | Warum relevant |
|---|---|
| Hosting-Standort (EU/Deutschland) | DSGVO-Konformität, kein CLOUD Act |
| Ökostrom im Rechenzentrum | Klimabilanz der Plattform |
| ISO-27001 Zertifizierung | Sicherheitsstandards |
| Effizienz auf älteren Endgeräten | Vermeidung von Elektroschrott |
Hintergrund: Der Blaue Engel für Software (DE-UZ 215) bewertet erstmals systematisch, wie ressourcenschonend Software arbeitet. Nextcloud erhielt im Juni 2025 als erste Cloud-Software diese Zertifizierung – ein Maßstab, an dem sich andere messen lassen müssen.
Kernfrage: Wie offen und zukunftssicher ist das System?
| Prüfpunkt | Warum relevant |
|---|---|
| Open Source (einsehbarer Code) | Transparenz, keine Hintertüren |
| Offene Schnittstellen (APIs) | Integration mit anderen Systemen |
| Standardformate für Datenexport | Anbieterwechsel möglich |
| Modularer Aufbau | Nur nutzen, was gebraucht wird |
Hintergrund: Das Bundesumweltministerium betont: „Open Source ermöglicht langfristige Nutzung, vermeidet softwarebedingte Produktalterung und reduziert Elektroschrott.“ Proprietäre Systeme schaffen Abhängigkeiten – offene Architekturen ermöglichen Gestaltungsfreiheit.
Kernfrage: Wem gehören die Daten – und was passiert mit ihnen?
| Prüfpunkt | Warum relevant |
|---|---|
| DSGVO-Konformität dokumentiert | Rechtssicherheit |
| Keine Tracker oder Werbe-Tools | Privatsphäre der Nutzer:innen |
| Datenverarbeitung nur in EU | Kein US-Zugriff (CLOUD Act) |
| Klare Exportmöglichkeiten | Daten gehören der Kommune |
Hintergrund: Das Deutsche Institut für Urbanistik formuliert es klar: „Es geht dabei nicht zuletzt um kommunale Datenhoheit.“ Wer Plattformen von US-Anbietern nutzt, muss wissen: Der CLOUD Act erlaubt US-Behörden den Zugriff auf Daten – unabhängig davon, wo die Server physisch stehen.
Kernfrage: Wer kontrolliert die Plattform – und mit welchen Interessen?
| Prüfpunkt | Warum relevant |
|---|---|
| Rechtsform des Anbieters | Gewinnorientierung vs. Gemeinwohl |
| Investorenstruktur | Exit-Druck vs. Langfristigkeit |
| Mitspracherechte für Kund:innen | Einfluss auf Entwicklung |
| Transparente Preisgestaltung | Planungssicherheit |
Hintergrund: Die Codina-Studie unterscheidet zwischen Plattformen, die von Investor:innen getrieben sind (mit entsprechendem Exit-Druck), und solchen, die langfristig im Interesse der Nutzenden arbeiten. Genossenschaften, Stiftungen oder kommunale Eigenentwicklungen bieten hier strukturelle Vorteile.
Kernfrage: Wie niedrigschwellig ist der Zugang – und wie gut funktioniert Vernetzung?
| Prüfpunkt | Warum relevant |
|---|---|
| Registrierungshürden | Jede Hürde halbiert die Teilnahme |
| Gast-Zugänge möglich | Schneller Einstieg ohne Account |
| Gruppen-/Projektstrukturen | Selbstorganisation ermöglichen |
| Sichtbarkeit (Karte, Suche) | Wer macht was wo? |
Hintergrund: Die Codina-Studie zitiert empirische Befunde: Jede zusätzliche Registrierungshürde halbiert die Zahl der Teilnehmenden. Gute Plattformen ermöglichen niedrigschwelligen Einstieg und fördern gleichzeitig tiefere Vernetzung für Engagierte.
Kernfrage: Passt die Plattform zur Organisationskultur – und wer unterstützt bei der Einführung?
| Prüfpunkt | Warum relevant |
|---|---|
| Schulungen und Onboarding | Akzeptanz hängt von Befähigung ab |
| Support-Strukturen | Wer hilft bei Problemen? |
| Erfahrung mit Verwaltungen | Verständnis für Prozesse |
| Referenzen in ähnlichen Kontexten | Bewährte Praxis |
Hintergrund: Die beste Technologie scheitert, wenn sie nicht zur Arbeitskultur passt. Die Codina-Studie spricht von einer „Beta-Kultur“, die in Verwaltungen erst entstehen muss – mit Raum für Experimente und Lernprozesse. Anbieter, die das verstehen und begleiten, haben bessere Erfolgsquoten.
Die Codina-Studie analysiert vier Fallbeispiele – darunter MokWi, die Engagement-Plattform der KielRegion. MokWi vernetzt Klimaschutz-Initiativen, Vereine und Ehrenamtliche in der Region Kiel und wurde explizit als Best Practice für zukunftsfähige kommunale Plattformen genannt.
Was MokWi auszeichnet:
„Auf MokWi bekommen Projekte und Veranstaltungen Sichtbarkeit. Akteur:innen können sich vernetzen und gemeinsame Ideen und Herausforderungen diskutieren. Projektteams können sich im Arbeitsbereich einfach und kostenlos organisieren.“
– Kim Strupp, KielRegion GmbH, Leiterin des Projektes MokWi
→ Im ausführlichen Interview erklärt Kim Strupp, wie MokWi tausende Akteure vernetzt
Die Wahl einer kommunalen Plattform ist mehr als eine IT-Beschaffung. Sie bestimmt, wer Zugang zu Daten hat, wie nachhaltig die digitale Infrastruktur arbeitet und ob die Kommune langfristig handlungsfähig bleibt.
Die Codina-Kriterien bieten einen wissenschaftlich fundierten Rahmen, um diese Entscheidung transparent zu treffen. Sie zeigen: Es gibt Alternativen zu den großen Plattformen – und diese Alternativen können in puncto Nachhaltigkeit, Datenschutz und kommunaler Gestaltungshoheit überlegen sein.
Die Codina-Studie zeigt: Es gibt keinen Königsweg – aber es gibt Kriterien, die gute Entscheidungen ermöglichen. Wir beraten Sie gerne, wie UniteOS die sechs Kriterien erfüllt und wo es zu Ihren Anforderungen passt.
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Quellen: CO:DINA Kurzstudie „Kommunale Plattformen nachhaltig gestalten“ (HNEE/Weizenbaum-Institut, 2022), Umweltbundesamt, Deutsches Institut für Urbanistik, Verband kommunaler Unternehmen