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Sechs Kriterien für zukunftsfähige kommunale Plattformen

Kommunen stehen vor Plattform-Entscheidungen mit weitreichenden Folgen. Die wissenschaftliche Codina-Studie liefert sechs Kriterien, mit denen sich Angebote systematisch bewerten lassen – von Hosting über Software-Architektur bis zum Betreibermodell. Diese Checkliste hilft bei der Orientierung.

Warum Kriterien wichtig sind

Digitale Daseinsvorsorge ist keine Zukunftsmusik mehr. Kommunen erbringen zunehmend Leistungen digital – von Bürgerbeteiligung über Ehrenamtskoordination bis zur Vereinsvernetzung. Dabei treffen sie auf einen unübersichtlichen Markt: große Tech-Konzerne, spezialisierte Anbieter, Open-Source-Projekte.

Die Entscheidung für eine Plattform hat Konsequenzen, die weit über das Budget hinausgehen:

  • Datenhoheit: Wer kontrolliert die Informationen über Bürger:innen und Vereine?
  • Abhängigkeit: Wie einfach ist ein Anbieterwechsel?
  • Nachhaltigkeit: Wie sieht die ökologische und ökonomische Bilanz aus?

Das Forschungsprojekt CO:DINA (Digitale Nachhaltigkeitstransformation in Kommunen) hat einen Kriterienkatalog für kommunale Plattformen entwickelt, der diese Fragen systematisch adressiert. Die Studie entstand an der Hochschule für Nachhaltige Entwicklung Eberswalde (HNEE) in Zusammenarbeit mit dem Weizenbaum-Institut für die vernetzte Gesellschaft.


Die sechs Codina-Kriterien im Überblick

1. Technische Struktur und Hardware-Ressourcen

Kernfrage: Wo stehen die Server – und wie nachhaltig ist der Betrieb?

PrüfpunktWarum relevant
Hosting-Standort (EU/Deutschland)DSGVO-Konformität, kein CLOUD Act
Ökostrom im RechenzentrumKlimabilanz der Plattform
ISO-27001 ZertifizierungSicherheitsstandards
Effizienz auf älteren EndgerätenVermeidung von Elektroschrott

Hintergrund: Der Blaue Engel für Software (DE-UZ 215) bewertet erstmals systematisch, wie ressourcenschonend Software arbeitet. Nextcloud erhielt im Juni 2025 als erste Cloud-Software diese Zertifizierung – ein Maßstab, an dem sich andere messen lassen müssen.


2. Software-Architektur und offene Standards

Kernfrage: Wie offen und zukunftssicher ist das System?

PrüfpunktWarum relevant
Open Source (einsehbarer Code)Transparenz, keine Hintertüren
Offene Schnittstellen (APIs)Integration mit anderen Systemen
Standardformate für DatenexportAnbieterwechsel möglich
Modularer AufbauNur nutzen, was gebraucht wird

Hintergrund: Das Bundesumweltministerium betont: „Open Source ermöglicht langfristige Nutzung, vermeidet softwarebedingte Produktalterung und reduziert Elektroschrott.“ Proprietäre Systeme schaffen Abhängigkeiten – offene Architekturen ermöglichen Gestaltungsfreiheit.


3. Datenarchitektur und souveräne Datenflüsse

Kernfrage: Wem gehören die Daten – und was passiert mit ihnen?

PrüfpunktWarum relevant
DSGVO-Konformität dokumentiertRechtssicherheit
Keine Tracker oder Werbe-ToolsPrivatsphäre der Nutzer:innen
Datenverarbeitung nur in EUKein US-Zugriff (CLOUD Act)
Klare ExportmöglichkeitenDaten gehören der Kommune

Hintergrund: Das Deutsche Institut für Urbanistik formuliert es klar: „Es geht dabei nicht zuletzt um kommunale Datenhoheit.“ Wer Plattformen von US-Anbietern nutzt, muss wissen: Der CLOUD Act erlaubt US-Behörden den Zugriff auf Daten – unabhängig davon, wo die Server physisch stehen.


4. Betreiber- und Organisationsmodelle

Kernfrage: Wer kontrolliert die Plattform – und mit welchen Interessen?

PrüfpunktWarum relevant
Rechtsform des AnbietersGewinnorientierung vs. Gemeinwohl
InvestorenstrukturExit-Druck vs. Langfristigkeit
Mitspracherechte für Kund:innenEinfluss auf Entwicklung
Transparente PreisgestaltungPlanungssicherheit

Hintergrund: Die Codina-Studie unterscheidet zwischen Plattformen, die von Investor:innen getrieben sind (mit entsprechendem Exit-Druck), und solchen, die langfristig im Interesse der Nutzenden arbeiten. Genossenschaften, Stiftungen oder kommunale Eigenentwicklungen bieten hier strukturelle Vorteile.


5. Beteiligung und Vernetzung

Kernfrage: Wie niedrigschwellig ist der Zugang – und wie gut funktioniert Vernetzung?

PrüfpunktWarum relevant
RegistrierungshürdenJede Hürde halbiert die Teilnahme
Gast-Zugänge möglichSchneller Einstieg ohne Account
Gruppen-/ProjektstrukturenSelbstorganisation ermöglichen
Sichtbarkeit (Karte, Suche)Wer macht was wo?

Hintergrund: Die Codina-Studie zitiert empirische Befunde: Jede zusätzliche Registrierungshürde halbiert die Zahl der Teilnehmenden. Gute Plattformen ermöglichen niedrigschwelligen Einstieg und fördern gleichzeitig tiefere Vernetzung für Engagierte.


6. Soziokulturelle Rahmenbedingungen

Kernfrage: Passt die Plattform zur Organisationskultur – und wer unterstützt bei der Einführung?

PrüfpunktWarum relevant
Schulungen und OnboardingAkzeptanz hängt von Befähigung ab
Support-StrukturenWer hilft bei Problemen?
Erfahrung mit VerwaltungenVerständnis für Prozesse
Referenzen in ähnlichen KontextenBewährte Praxis

Hintergrund: Die beste Technologie scheitert, wenn sie nicht zur Arbeitskultur passt. Die Codina-Studie spricht von einer „Beta-Kultur“, die in Verwaltungen erst entstehen muss – mit Raum für Experimente und Lernprozesse. Anbieter, die das verstehen und begleiten, haben bessere Erfolgsquoten.


Fallbeispiel: MokWi in der KielRegion

Die Codina-Studie analysiert vier Fallbeispiele – darunter MokWi, die Engagement-Plattform der KielRegion. MokWi vernetzt Klimaschutz-Initiativen, Vereine und Ehrenamtliche in der Region Kiel und wurde explizit als Best Practice für zukunftsfähige kommunale Plattformen genannt.

Was MokWi auszeichnet:

  • Genossenschaftlicher Anbieter (wechange eG) statt Investor-getriebenes Startup
  • Open Source (AGPL 3.0) mit vollem Code-Zugang
  • Ökostrom-Hosting in deutschen Rechenzentren
  • Kombination aus Sichtbarkeit (Karte, Profile) und Arbeitsumgebung (Dateien, Termine, Chat)
  • Kostenlose Nutzung für Vereine – finanziert durch die Kommune als Infrastruktur

„Auf MokWi bekommen Projekte und Veranstaltungen Sichtbarkeit. Akteur:innen können sich vernetzen und gemeinsame Ideen und Herausforderungen diskutieren. Projektteams können sich im Arbeitsbereich einfach und kostenlos organisieren.“

– Kim Strupp, KielRegion GmbH, Leiterin des Projektes MokWi

→ Im ausführlichen Interview erklärt Kim Strupp, wie MokWi tausende Akteure vernetzt


Checkliste: 15 Fragen für die Plattform-Evaluation

Technisches Fundament

  1. Wo stehen die Server? (EU/Deutschland empfohlen)
  2. Läuft das Rechenzentrum mit Ökostrom?
  3. Ist der Quellcode einsehbar (Open Source)?
  4. Gibt es standardisierte Export-Formate für alle Daten?

Daten und Datenschutz

  1. Liegt ein AV-Vertrag vor?
  2. Werden Tracker oder Werbe-Tools eingesetzt?
  3. Ist die Plattform DSGVO-konform dokumentiert?
  4. Gilt der US CLOUD Act für den Anbieter?

Betreibermodell

  1. Welche Rechtsform hat der Anbieter?
  2. Gibt es Investor:innen mit Exit-Erwartungen?
  3. Wie ist die Preisgestaltung langfristig (Flatrate vs. Pro-Kopf)?

Nutzung und Einführung

  1. Wie viele Klicks bis zur ersten Nutzung?
  2. Gibt es Gast-Zugänge ohne Registrierung?
  3. Welche Schulungen und Support-Leistungen sind enthalten?
  4. Welche vergleichbaren Kommunen nutzen die Plattform bereits?

Fazit: Infrastruktur-Entscheidungen sind Werte-Entscheidungen

Die Wahl einer kommunalen Plattform ist mehr als eine IT-Beschaffung. Sie bestimmt, wer Zugang zu Daten hat, wie nachhaltig die digitale Infrastruktur arbeitet und ob die Kommune langfristig handlungsfähig bleibt.

Die Codina-Kriterien bieten einen wissenschaftlich fundierten Rahmen, um diese Entscheidung transparent zu treffen. Sie zeigen: Es gibt Alternativen zu den großen Plattformen – und diese Alternativen können in puncto Nachhaltigkeit, Datenschutz und kommunaler Gestaltungshoheit überlegen sein.


Weiterführende Ressourcen


Suchen Sie eine Plattform für Ihre Kommune?

Die Codina-Studie zeigt: Es gibt keinen Königsweg – aber es gibt Kriterien, die gute Entscheidungen ermöglichen. Wir beraten Sie gerne, wie UniteOS die sechs Kriterien erfüllt und wo es zu Ihren Anforderungen passt.

→ UniteOS für Kommunen: Funktionen, Preise, Referenzen


Quellen: CO:DINA Kurzstudie „Kommunale Plattformen nachhaltig gestalten“ (HNEE/Weizenbaum-Institut, 2022), Umweltbundesamt, Deutsches Institut für Urbanistik, Verband kommunaler Unternehmen